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Bergstraße
Zwingenberg
  • Darmstädter Straße 34
  • Darmstädter Straße 36A
Ehem. Fabrik 'Fissan-Werke'
Flur: 4
Flurstück: 225/1, 226

Das Gebäude wurde 1934ff. als moderner Fabrik-Neubau für das Unternehmen "Deutsche Milchwerke A.G." errichtet. Dieses bereits 1882 von dem Wormser Apotheker R. Pizzala gegründete Unternehmen hatte 1898 der Chemiker Dr. Arthur Sauer übernommen. Er verlagerte den ursprünglich auf die Herstellung von Stärkungsmitteln ausgerichteten Schwerpunkt auf die Produktion von Milch-Präparaten und entwickelte das so genannte FISSAN-Programm. Die auf der Basis von Kasein entstandenen FISSAN-Puder und -Pasten sowie Öle und Seifen waren weltweit so erfolgreich, dass die Firma expandieren konnte und vor allem in den dreißiger Jahren für die Region der hessischen Bergstraße zu einer der wichtigsten Arbeitsstätten wurde. Entsprechend wurde das Werk, zu dem eine bedeutende, ebenfalls in den dreißiger Jahren entstandene Wohnsiedlung ("Adolf-Hitler-Siedlung") gehört, von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgebeutet: Es wurde 1937 zum "nationalsozialistischen Musterbetrieb" stilisiert.

Architekt von Siedlung und neuem Fabrikationsgebäude war Dr. Georg Fehleisen (1893-1936), ein Schüler des renommierten Architekten Paul Bonatz. Fehleisen wurde Mitarbeiter von Georg Metzendorf und kam aus dessen Essener Büro 1927 nach Bensheim, um das verwaiste Büro von Heinrich Metzendorf, dem so genannten Baumeister der Bergstraße zu übernehmen. Seit 1928 Inhaber der Fa. H. Metzendorf wurde Fehleisen auch Werksarchitekt der Deutschen Milchwerke AG. In dieser Funktion entwickelte er Anfang der dreißiger Jahre sowohl die Pläne für die Wohnsiedlung, wobei er auf einen von Georg Metzendorf entwickelten Typ des Arbeiterwohnhauses zurückgriff, als auch für das Fabrikationsgebäude an der Darmstädter Straße, das eine sachlich-moderne, von den Ideen des Bauhauses deutlich beeinflusste Architektursprache verrät. 1934/35 wurde vom Fabrikgebäude zunächst der erhöhte Mitteltrakt und der Südflügel errichtet und wohl um 1940 wurde der Nordflügel in der entsprechenden Formensprache angefügt. Planender Architekt war bei letzterem, nach dem Unfalltod Fehleisens, sein Nachfolger im Büro H. Metzendorf, der Architekt Richard Busching. Von Busching stammte auch das heute nicht mehr vorhandene Schwimmbad (Pläne 1937), von diesem liegen auch Entwürfe für eine erhebliche Erweiterung um einen zusätzlichen viergeschossigen Querbau mit langgestrecktem Nordflügel vor. Busching hat wahrscheinlich auch das 1938 errichtete Garagen- und Chauffeurshaus hinter dem Fabrikgebäude entworfen.

Der Baukomplex des ehemaligen "Fissan-Werks" ist aus drei kubischen Baukörpern von drei bzw. vier Geschossen additiv zusammengefügt, wobei deren scheinbar spielerische Kombination einen starken ästhetischen Reiz ausübt. Die Baukörper schließen nach oben flach ab, charakteristisch ist außerdem die bandartige Reihung liegender Fenster, die am Mitteltrakt auch um die Gebäudekante läuft. An der Ostseite des Mitteltrakts befindet sich auch der über eine breit gelagerte Freitreppe erreichbare Haupteingang, darüber ist zur Belichtung des Treppenhauses die Wand völlig in Glas aufgelöst.

Das wegen seiner Beziehung zu Milchprodukten von Anfang an weiß gestrichene Gebäude wird noch heute durch den ursprünglichen Gitterzaun zwischen Zementpfosten zur Darmstädter Straße hin abgegrenzt. Das zurückgelegene Garagen- und Chauffeurshaus ist im Gegensatz zum Fabrikgebäude in traditionellen Formen gehalten, zweigeschossig und mit auskragendem Walmdach. Die drei- bzw. vierteilig gegliederten Fenster des Obergeschosses sind mit hölzernen Klappläden versehen.

Der Komplex ist aus architekturhistorischer Sicht für die südhessische Region eine Besonderheit, da er hier - soweit bekannt - der einzige Industriebau ist, der die damals moderne Architektur des Bauhauses reflektiert. Er ist außerdem das Werk eines nicht unbedeutenden, früh verstorbenen Architekten, der durch seine Verbindungen zu Paul Bonatz und Georg Metzendorf mit der aktuellen Architektur vertraut war und hier im ländlichen Zwingenberg zu einer zeitgemäßen architektonischen Lösung mit künstlerischem Anspruch fand. Auch hinsichtlich der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Entwicklung der Region stellt das Gebäude ein unverzichtbares Zeugnis dar, wobei hier auch seine politische Bedeutung im Dritten Reich in Anschlag zu bringen ist. Dies gilt im Übrigen auch für die hierarchisch strukturierte Wohnsiedlung, die in räumlicher Beziehung zum Fabrikgebäude steht. Das Gebäude wird heute in moderner Fortführung der Werkstradition von einer Firma aus dem biotechnologischen Bereich genutzt.


Kulturdenkmal aus geschichtlichen, künstlerischen, technischen und wissenschaftlichen Gründen.

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