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Das seit 1856 angelegte Industrieareal in Griesheim zählte zu den ältesten Standorten der chemischen Industrie in der Bundesrepublik. Während zunächst Düngemittel hergestellt wurden, verlagerte sich die Produktion seit Ende des 19. Jahrhunderts mit Gründung der „Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron“ u.a. auf die Farbenherstellung und autogene Metallverarbeitung.
Viele bis heute bahnbrechende Erfindungen gehen auf Griesheimer Chemiker und Ingenieure zurück: Unter Ignatz Stoof (1838-1920) konnte hier 1890 die erste größere Anlage zur Gewinnung von Natronlauge und Chlor errichtet werden. Ebenso wurde in Griesheim das autogene Schneiden und Schweißen sowie die Leuchtstoffröhre erfunden und zum ersten Mal die Kunststoffe PVC und PVA in größerer Menge hergestellt.
Aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen haben sich auf dem rund 73 Hektar großen Areal nur einzelne Gebäude erhalten. Als letzte bauliche Relikte des einstmals bedeutenden Industriestandorts sind vier Objekte aus architektur- und industriegeschichtlichen Gründen Kulturdenkmäler.
Kraftwerk mit Maschinen- und Kesselhaus, 1922-1923 errichtet von Stefan Simon
Das vielgliedrige Gebäude besteht aus einem dreigeschossigen, im Grundriss rechteckigen und nach Osten hin attikaartig erhöhten Hauptbau (Gebäude 3101), dem im östlichen Teil der Westseite ein etwas niedrigeres Maschinen- und Kesselhaus als eigenständiger Bauteil angefügt ist (Gebäude 3102 und 3103). In diesen Gebäudekomplex integriert wurde zudem auf der Südwestseite ein älterer, nur zweigeschossiger Stockwerksbau, der zum Kraftwerk quergelagert ist und aus der Gebäudeflucht leicht hervorragt. Sämtliche Fassaden zeigen eine geschossübergreifende Pilastergliederung.
Das Kraftwerk ist – für einen reinen Zweckbau ungewöhnlich – außerordentlich differenziert gestaltet im Kanon klassischer Architekturmotive, die durch starke Reduktion gekonnt abstrahiert werden. Alle Fassaden sind in Eisenfachwerk mit Ziegelausmauerung konstruiert. Die hohen Fenster im Erd- und Obergeschoss werden durch eine einfache Verdachung akzentuiert und anstelle von Kapitellen schließen die geschossübergreifenden Pilaster bloß mit Deckplatten ab. Die sechsachsige Südseite des Gebäudes zeigt eine Attikazone, die durch ihre zur Mitte hin minimal erhöhte Dachneigung andeutungsweise auch als Giebelfeld in Erscheinung tritt, in das sechs quergelagerte, sechseckige Fenster eingelassen sind. Auf der östlichen Längsseite werden diese Gliederungsmotive aufgegriffen. Diese besitzt jedoch ein sehr schmales, zweites Obergeschoss, das wie ein turmartiger Aufbau wirkt. In diesem war der zur Energiegewinnung verwendete Kohlenstaub gelagert, der über heute noch vorhandene Betontrichter den Verfeuerungsanlagen zugeführt wurde.
Das äußere Erscheinungsbild der Kraftwerksgebäude ist einschließlich der Stahlfenster mit feiner Sprosseneinteilung bis heute weitgehend unverändert. Erhalten ist auch die Primärkonstruktion des Innenausbaus mit den für Kraftwerksgebäude der 1920er Jahre typischen genuteten Eisenträgern und Laufkränen. Die technischen Einbauten sind dagegen großteils entfernt. Noch vorhandene Schaltvorrichtungen und Turbinen sind – im Sinne einer Nachvollziehbarkeit der ursprünglichen Gebäudefunktion – erhaltenswert, datieren jedoch aus der Nachkriegszeit.
Als Kulturdenkmal nach § 2 Absatz 1 Hessisches Denkmalschutzgesetz aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen in das Denkmalverzeichnis des Landes Hessen eingetragen.
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