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Evangelische Pfarrkirche (Unionskirche)Flur: 10; Flurstück: 346 Idstein Rheingau-Taunus-Kreis Bestandteil der Gesamtanlage Gesamtanlage Altstadt |
Ehemalige Stiftskirche St. Martin. 1335 bis 1350 Neubau der Stifts- und Pfarrkirche im Zusammenhang mit der Errichtung des St.
Martinsstifts 1340 unter Graf Gerlach anstelle einer kleineren romanischen Kirche. 1665-1677 weitgehender Umbau zur Predigt- und
Hofkirche durch Graf Johannes. Anläßlich des 100. Jubiläums der Union zwischen Lutheranern und Reformierten 1917 in Unionskirche
umbenannt.
Älteste Bauteile des 13. Jh. im Unterbau des nördlich den Chor flankierenden Turmes. Dieser 1714 erhöht, achteckiger Spitzhelm mit
Giebeln 1830. Chorwand mit Strebepfeilern 1340-50.
Das Schiff behielt im wesentlichen die Form der mittelalterlichen Basilika bei. 1665-1677 Verlängerung nach Westen, Erhöhung der
Wände, flachere Dächer, Entfernung der meisten Strebepfeiler, Ovalfenster über den Seitenschiffen, Rundbogenportale; 1725
Dachgauben zur Emporenbeleuchtung. 1787 Entfernung des Maßwerks aus den Spitzbogenfenstern. Rundbogenfenster 17. Jh. und
1835.
Im Inneren ab 1665 Entfernung der Gewölbe und Einbau von Marmorarkaden durch Arnold Harnisch, Mainz, und Hans Martin Sattler,
Idstein. Obergaden und flache gebrochene Decke des Mittelschiffes bedeckt mit Gemälden (Öl auf Leinwand). Die 38 Bilder mit Szenen
aus den Evangelien, 1673-78 entstanden, gehören dem niederländischen Kunstkreis in der Nachfolge von Rubens an. Ausführende
waren Michael Angelo Immenraedt, Antwerpen, und sein Schüler Johannes Melchior Bencard; 3 Bilder von Joachim von Sandrart
entworfen, 5 Bilder ausgeführt durch dessen Neffen Johann von Sandrart. In den Zwickeln der Arkadenbögen Apostelköpfe nach Antonius
van Dyck.
Ausbau des Chores als Gedächtnisstätte für die Grafen von Nassau-Idstein 1725 nach Entwurf von Johann Jakob Bager (nach Ideen von
Maximilian von Welsch); Pilastergliederung aus Stuckmarmor 1725 von Johann Glaß, Bamberg. Freskogemälde der Muldendecke 1725
von Maximilan Pronner, Gießen. Chorgitter 1726 von Johann Urban Zais.
Ausstattung: dreiseitige Emporen 1675, zwei hölzerne Wendeltreppen zur Westempore bez. 1679. Brüstungen mit (sich auf das Amt
des jeweils dort sitzenden Standes beziehenden) Spruchschilden und ornamentaler Bemalung von Jost Bickart, Mainz. (Herrschafts-,
Rats-, Sekretär-, Gerichts-, Vorsteher-, Bürgerstuhl.) Schnitzereien ähnlich denen der Gestühlswangen unter den Emporen. 1726
zusätzliche Holzstützen in Form von Palmbäumen. Gemälde an den Unterseiten der Emporen, symbolische Darstellungen, von
Hofmaler J. R. Wächter, Wiesbaden.
Hauptaltar 1676 von Arnold Harnisch, Marmor; Altargemälde Ende 17. Jh. Ehemaliger Mittelschiffsaltar im südlichen Seitenschiff 1731
von Johann Philipp und Johann Christian Kohl. Kanzel, Marmor, 1673 von Christian Gaßmann. Taufstein in Vierpassform 1675 von Hans
Martin Sattler. Opferstock, Holz, 1591. Orgel von Walcker, 1912, auf der oberen Westempore, Prospekt 1780-83 von Johann Henrich
und Franz Stumm. Kristallkronleuchter am Choreingang aus dem alten Kurhaus in Wiesbaden, Anfang 19. Jh.
Grüfte und Grabdenkmäler: Unter dem Chor Gruft mit Kreuzgratgewölbe, Anfang 15. Jh. Am Ostende des südlichen Schiffes eine
Familiengruft, sog. Reiterchörlein. Südlich des Chores ehemalige Sebastianskapelle mit Sterngewölbe; Gruft seit 1509, dann Sakristei.
Im „Reiterchörlein" Doppelgrabmäler Adolf II. von Nassau-Idstein († 1426) und Margareta von Baden-Durlach († 1442), wahrscheinlich von
einem Mainzer Meister. Epitaph Philipp II. von Nassau-Idstein (1558) und Adriane von Bergen († 1524). Grabplatten hinter dem
Hauptaltar. Statue Johann Ludwig von Nassau-Idstein († 1596) und Büste Maria von Nassau-Dillenburg, Reste eines Grabmonuments.
Im südlichen Seitenschiff Rest des Grabmals Adolf IV. († 1556), Kalkstein. Im Chor Denkmal Graf Johannes († 1677), Marmor, von Hans
Martin Sattler. Monumentales Grabmal Fürst Georg August Samuel († 1721) und Henriette Dorothea von Oettingen († 1728) sowie deren
sieben Kinder, aus Lahnmarmor, Alabaster und Holz nach Entwurf von Maximilian von Welsch 1727-31 von Johann Jakob Bager und
Joseph Leitner, Limburg (?) und Hofbildhauer Franz Matthias Hiernle, Mainz. Grabmal Fürst Karl Ludwig von Nassau-Saarbrücken (†
1723), Stuckmarmor, 1726 von Caspar Vogel, Zweibrücken. Weitere Grabsteine 17. und 18. Jh. In der Fürstengruft unter dem Chor
Zinnsarkophage des Fürsten Georg August und seiner Gemahlin Henriette Dorothea, von Georg Jost Cronobolt, Frankfurt. Sarg Karl
Ludwig, Sarg Johannes († 1658). Zinnsarg der ersten Ehefrau des Johannes, 1669 aus Straßburg überführt, in einer Gruft nördlich des
Altars.
Die Unionskirche zeigt die Neueinrichtung eines evangelischen Kirchenraumes nach Gestaltungsprinzipien, wie sie in der Hofkirche zu
Torgau 1544 entwickelt wurden. Die Ausstattung mit Gemälden wird zum Bestandteil der Architektur, gleichzeitig ist sie ein seltenes,
spätes Beispiel evangelischer Laiendogmatik in gemalter Form. Erste und bedeutende eigenständige kirchliche Bauschöpfung in
Nassau nach dem 30jährigen Krieg.
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