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Frankfurt
Gallusviertel
  • Stephensonstraße 1
Ehem. Verwaltungsgebäude der Deutschen Bahn
Flur: 223
Flurstück: 2/49

Verwaltungsgebäude der ehemaligen Hauptzentrale der Deutschen Bahn, errichtet durch den Kölner Architekten Stephan Böhm von 1991 bis 1993.

Geschichte

Seit 1953 befand sich die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn in einem Verwaltungskomplex an der Friedrich-Ebert-Anlage in unmittelbarer Nähe zum Messegelände. Ende der 1980er Jahre plante die Bahn ein größeres Verwaltungsgebäude für 3.000 Mitarbeiter. Für den Neubau im Gallusviertel schrieb die Bahn 1989 einen beschränkten Wettbewerb aus. Es wurde kein erster Preis und stattdessen zwei zweite Preise vergeben. Der Bahnvorstand entschied sich schließlich für den Entwurf des Architekten Stephan Böhm (* 1950). Er entstammt der gleichnamigen Kölner Baumeisterfamilie. Sein Vater ist der berühmte Pritzker-Preisträger (1986) Gottfried Böhm (* 1920), sein Großvater war der seit den 1920er Jahren bekannte Kirchenbaumeister Dominikus Böhm (1880–1955). Stephan Böhm selbst studierte an den Technischen Hochschulen in Stuttgart und München und arbeitete nach seinem Studium in den Büros von Oswald Mathias Ungers, Joachim Schürmann und schließlich im Büro seines Vaters. Das bestehende Gebäude an der Stephensonstraße 1 wurde von Stephan Böhm und Federico Valda sowie weiteren Mitarbeiter*Innen als erster Bauabschnitt der neuen Hauptzentrale geplant und zwischen 1991 und 1993 errichtet. Aufgrund des Mauerfalls und der deutschen Wiedervereinigung entschied die Bahn noch während der Errichtung des ersten Bauabschnitts, ihren Hauptverwaltungssitz nach Berlin zu verlegen. Daher blieb der zweite Bauabschnitt – bis auf einen einzelnen Pavillon an der Nordwestecke – unausgeführt. So arbeiteten in dem Verwaltungsbau lediglich knapp 1.700 Mitarbeiter. Ende 2020 zog die Bahn aus der Liegenschaft aus.

Lage

Die DB-Hauptzentrale wurde im Gallusviertel südlich des Güterbahngeländes in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Nachkriegssiedlung südlich der Idsteiner Straße errichtet und dominiert seither den Stadtteil. Durch die Entwicklung des Europaviertels entstanden westlich und nördlich des ursprünglich freistehenden Solitärs neue Verwaltungs- und Wohnbauten.

Beschreibung

Der ausgeführte Bauabschnitt ordnet Riegelbauten und Pavillons in einer offenen, blockartigen Grundrissfigur mit vier großen Innenhöfen um einen zentralen Turm an. Zur Einbettung des Komplexes orientierte sich Böhm an der viergeschossigen Wohnbebauung südlich der Idsteiner Straße. Drei Riegelbauten in Nord-Süd-Ausrichtung sind nach Norden und Süden hin zur Hälfte fünfgeschossig ausgeführt. Zur Blockmitte hin wurden sie mit Zwischentreppenhäusern versehen und auf acht Geschosse aufgestockt. Sie vermitteln so zum zentralen Turmbau, der mit seinen 17 Geschossen aus dem Komplex herausragt und als städtebauliche Landmarke fungiert. Zwischen den Riegeln sitzen fünfgeschossige Pavillons, die über gläserne Verbindungsgänge miteinander verbunden werden. Dadurch entsteht ein vollständiges Wegenetz in den als zweibündige Anlagen ausgeführten Riegeln und Pavillons.

Der Komplex wurde – auch aufgrund des Termindrucks – in Fertigteilbauweise errichtet. Markant und deutlich abgerückt von den horizontalen Trag- und Deckenelementen sitzen die vertikalen Betonstützen vor der Fassade. Sie werden an den Dachgeschossen einzeln oder in Form einer Y-Stütze an die Deckenplatten zurückgeführt. Dadurch entsteht ein plastisch deutlich hervortretendes, vertikal rhythmisiertes Stützenskelett. Sämtliche Betonfertigteile sind zusätzlich plastisch aufwändig durchgeformt. Die Geschosse wurden rundum nahezu vollständig verglast. Auf den niedrigen Brüstungen sitzen Fensterbänder mit schmalen Unterlichtern, die mit rasterförmigen Grafiken beklebt (in den Turmgeschossen geätzt) sind.

An den Ecken des Turmbaus treten die Betonfertigteile ebenfalls deutlich zutage. Hinzu kommen zusätzlich halbrund hervortretende Wendeltreppen sowie an der Fassade entlanggeführte Lüftungsrohre. Die Nebentreppenhäuser im Norden und Süden des Turmbaues sind aus Brandschutzgründen weitgehend geschlossen und treten blockartig in Erscheinung. Auffallend sind auch die kleineren Konferenzsäle in den Geschossen 9 bis 11, die an der Ost- und Westseite konvex aus der Fassade herausragen. Die beiden letzten Turmgeschosse nehmen den großen Presse- und Konferenzsaal in sich auf. Der zweigeschossige Saal erhielt eine aufwändige technische Ausstattung, darunter vier Übersetzerkabinen für internationale Pressekonferenzen auf allen vier Seiten des oberen Geschosses. Über dem Saal wurde die Gebäudetechnik für die Klimatisierung des Turmes angebracht, kaschiert durch stählerne Gitterblenden, auf denen der „DB“-Schriftzug der Deutschen Bahn angebracht wurde. Sämtliche Dächer des Komplexes wurden als begrünte Flachdächer ausgeführt.

Zur Mitte hin sind die Riegelbauten durch eine große, in Ost-West-Richtung verlaufende gläserne Halle unterbrochen. Es handelt sich um eine funktionale Ingenieurskonstruktion, deren Stirnseiten von geschossübergreifenden Treppenspindeln markant inszeniert werden. Die Halle dient der zentralen Erschließung sowie als Kommunikationsort und ist nicht künstlich klimatisiert. In ihr findet sich der östlich gelegene Haupteingang mit Pförtnerloge und die westliche Fortführung der Halle zum unausgeführten zweiten Bauabschnitt. In der Hallenmitte liegt der zentrale Turmbau mit offenem Aufzugsschacht. Acht Betonstützen in oktogonaler Anordnung im Innern tragen die Mantelräume des Turmes und umstehen die offene Struktur der vier diagonal angeordneten Aufzüge. Die vertikale Tragstruktur ist in Beton ausgeführt, die horizontalen Verbindungsgänge und das Aufzugssystem sind aus Stahl und rot gefasst. Von jedem Stockwerk aus führen Betontreppen und -stege in die umgebenden Büro- und Konferenzräume.

Die Untergeschosse in Turm und Riegeln nehmen vornehmlich Haustechnik (Heizung, Lüftung etc.) sowie Teile der Großküche in sich auf. Im Erdgeschoss wurde das Restaurant untergebracht. Es erstreckt sich auf den mittleren nördlichen Riegel sowie die beiden anschließenden Pavillons, die durch ihre umlaufende Verglasung den Blick auf die begrünten Innenhöfe und die Niedernhausener Straße freigeben. Im südlichen Abschnitt des mittleren Riegels findet sich eine Cafeteria. Die seitlichen Riegel nehmen hingegen Büroräume auf. Deren Mittelflure erhielten Decken aus Betonfertigteilen, die eine segmentbogige Wölbung aufweisen und an das Innere eines Eisenbahnwaggons erinnern. Die Trennwände der Büros bestehen aus einfachen Rigipsplatten.

Lediglich die Turmgeschosse sind künstlich klimatisiert, während die Büros in den Riegeln und Pavillons natürlich belüftet werden. Eine besondere technische Finesse ist eine Teleliftanalage der Firma TELEMAT, mit der ursprünglich die Post im Haus verteilt werden konnte. Die Anlage wurde später außer Betrieb genommen und ist teilweise noch vorhanden.

Die vier Innenhöfe wurden zurückhaltend begrünt und mit eigens gestalteten Betonsteinen gepflastert. Die durchbrochenen Muster der Betonsteine ermöglichen Grasbewuchs und erlauben im Brandfall das Befahren durch die Feuerwehr. Aus diesem Grund sind auch nur wenige Bäume auf der Mittelachse der Höfe gepflanzt.

Analyse

Der als Landmarke konzipierte Solitär der DB-Hauptzentrale wird oft als Fremdkörper interpretiert, trotz der Tatsache, dass er sich an der Nachkriegsbebauung im Süden orientiert und erst zur Mitte hin aufgipfelt. Es entspricht üblichen Gepflogenheiten bei Firmenzentralen – insbesondere mit Blick auf die Frankfurter Skyline – mit einer städtebaulichen Geste aufzutreten. Böhm entwickelte eine Großform mit eigener Ästhetik, die die Baumassen geschickt verteilt und staffelt. Der Fertigteilcharakter der Betonelemente wird kombiniert mit skulptural aufgefassten Elementen der Gebäudetechnik. Dabei verarbeitet Böhm Einflüsse, die an den sogenannten Betonbrutalismus mit Elementen der in Frankfurt populären Postmoderne sowie der High-Tech-Architektur der 1970er Jahre erinnern, wie beispielsweise das berühmte Pariser Museum Centre Pompidou. So werden am Außenbau Treppenspindeln und Belüftungsrohre Teil der architektonischen Inszenierung des Logistikunternehmens.

Die das Gebäude in Ost-West-Richtung durchlaufende gläserne Halle mit ihrem zentralen Aufzugsschacht und den inszenierten Treppenspindeln an den Stirnseiten zeigt eine Nähe zum Stuttgarter Züblin-Haus von Gottfried Böhm aus den Jahren 1981-85. Dies wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass er an einigen Entwurfszeichnungen für die Hauptzentrale beteiligt war. Stephan Böhms eigenwilliger Entwurf zeigt sich insbesondere im Innern des Verwaltungsgebäudes, in dem das struktive graue Betongerüst vom filigranen Erschließungssystem der rot gefassten stählernen Laufgänge und Aufzüge durchdrungen wird. Im Aufzugsschacht des Turminnern entstehen durch die Stege und Treppen skurrile Raumeindrücke, die an die berühmten Carceri-Radierungen des italienischen Künstlers Giovanni Battista Piranesi (1720–1778) erinnern und Böhms Interesse für die Baukunst der Renaissance und des Barocks aufscheinen lassen (Weisner 1994, 15). Rot und Grau gelten als die Firmenfarben der Deutschen Bahn und bestimmen um 1990 deren Corporate Identity. Die grafischen Muster auf den Fensterscheiben erinnern an Mikrochips und sollen den technologischen Anspruch des Logistikunternehmens symbolisieren.

Veränderungen

Das Gebäude ist, abgesehen von der Umstellung der Beleuchtung auf LEDs und teilweise neu gestrichener Wände, seit seiner Errichtung praktisch unverändert.

Begründung

Bei der ehemaligen Hauptverwaltung der Deutschen Bahn handelt es sich um ein herausragendes Beispiel für ein Verwaltungsgebäude, welches Stephan Böhm dem Verkehrsunternehmen wie eine Einzelanfertigung gewissermaßen „auf den Leib geschneidert“ hat. Als Solitär dominiert der Verwaltungsbau das Gallusviertel und wird zugleich städtebaulich eingebunden in die benachbarte Nachkriegsbebauung. Sein Entwurf unterstreicht den technologischen Anspruch des Logistikunternehmens in den Wendejahren in der Bundesrepublik Deutschland und nimmt zugleich die architektonischen Einflüsse des Brutalismus, der High-Tech-Architektur sowie der Postmoderne der vergangenen Jahrzehnte in sich auf.

Das Verwaltungsgebäude ist Kulturdenkmal geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen.

Literatur

D. J.: Deutsche Bahn AG. Neue Zentrale Frankfurt am Main. In: Archigrad, 6, 1994, S. 22f.

Weisner, Ulrich: Böhm: Väter und Söhne. Architekturzeichnungen von Dominikus Böhm, Gottfried Böhm, Stephan, Peter und Paul Böhm. Bielefeld 1994

N.N.: Hauptverwaltung Bundesbahn in Frankfurt. In: Deutsche Bauzeitung, 1995, Januar, S. 34

Siedenbiedel, Christian: Die Zentrale der Deutschen Bahn AG. In: Müller-Vogg, Hugo (Hrsg.): Hochhäuser in Frankfurt. Wettlauf zu den Wolken. Frankfurt am Main 1999, S. 92

Röger, Moritz: Verwaltungsgebäude der Deutschen Bahn. In: Sturm, Philipp (Hrsg.): Hochhausstadt Frankfurt. Bauten und Visionen seit 1945. München 2014, S. 225


Kulturdenkmal aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen.

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Kartenmaterial Datengrundlage (ALKIS): Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation

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